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ZWEI RUSSISCHE GEDICHTE AUF DEN TOD GOETHES

Boratynskijs (1800-1844) und Tjutschews (1803-1873) Nachrufe auf den großen Hingeschiedenen gehören zum Schönsten, was je in der Poesie zu Goethes Lobe gesagt worden ist. Sie zeugen von seiner Wirkung auf das russische Geistesleben jener Zeit und sind nicht minder bezeichnend für die Eigenart der beiden Lyriker.

I.

Von seinem um ein Jahr jüngeren, damals dreißigjährigen Zeitgenossen Boratynskij (diese Schreibung ist der üblichen Baratynskij als die genealogisch beglaubigte vorzuziehen) urteilte Puschkin folgendermaßen: Er gehört zu unseren vortrefflichsten Dichtern. Bei uns ist er originell, weil er überhaupt denkt. Er würde überall originell sein, denn er denkt auf eigene Art, ebenso folgerecht wie selbständig, und fühlt dabei innig und tief. Puschkin preist die Harmonie seiner Verse, die Frische seiner Sprache, Lebhaftigkeit und Präzision seines Ausdrucks; er hält ihn für den größten russischen Elegiker, betont das metaphysische Element seiner Lyrik, vergleicht ihn einmal mit dem über das Geheimnis des Todes grübelnden Hamlet. Boratynskij selbst, voll jener vornehmen Bescheidenheit, die bei in sich gekehrten Naturen oft einen verschwiegenen Stolz birgt, schreibt seiner melancholischen Muse keine prangende Schönheit, wohl aber einen ungewöhnlichen Gesichtsausdruck zu. Der elegische Ton war in der damaligen Dichtung vorherrschend; aber das schwermütige Nachdenken Boratynskijs ist nichts weniger als sentimental. Seine Resignation hatte sich mit stoischem Gleichmut gepanzert. Seinen unverhohlenen Agnostizismus kleidet er in männlich ernste, trauervoll majestätische Ruhe. Sein eigenster Stil kommt im Monumentalen und Lapidaren zu voller Geltung. Das Bedürfnis des wunden Herzens, das Vergängliche sub specie aeternitatis zu betrachten, verleiht seinen persönlichsten Äußerungen einen ergreifend tiefen Klang, eine geheimnisvolle, an Weissagung gemahnende Bedeutsamkeit. Angesichts der kommenden Zeiten, die

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immer gieriger dem Nützlichen nachjagen, beschwört er die Gestalt des letzten Dichters herauf, des letzten Vertrauten der Natur, deren Herz sich dem Menschen verschließt, seitdem er sich unterfangen hat, ihre Geständnisse mit Waage und Maß zu erpressen. Es ist, als ob der Geist dieses Pensieroso das gesamte Leben und Streben der Menschheit von den Gipfeln eines dem Strome der Zeiten entrückten überindividuellen Gedächtnisses wie ein düsteres Trauerspiel überschaue.

Unser Gedicht hebt wirksam an mit dem einwörtigen Satz (predstála), einem Zeitwort in der weiblichen Aoristform, das etwa heißt: sie trat vor, aufrecht stehend erschien sie; die Frauengestalt der Todesbringerin entspricht der volkstümlichen Vorstellung, die wohl mit dem Femininum des Namens smert', pallida Mors, zusammenhängt.

Die dem Gedichte auf den Tod Goethes zugrunde liegende Anschauung gilt der Entelechie des durch schöpferisch-mitfühlende Erkenntnis die Schranken des Einzelbewußtseins überwindenden und sein Selbst im Herzen des Alls wiederfindenden menschlichen Geistes. Das Pathos dieser Betrachtung gipfelt in einer eigenartigen Theodizee: gesetzt, der Schöpfer habe der Menschenseele die individuelle Unsterblichkeit versagt, sein Beschluß wäre dennoch dadurch gerechtfertigt, daß diese Seele sich, wie wir's an Goethes Beispiel lernen, als fähig erweist, in die Zeitlichkeit ihrer Sonderexistenz einen ewigen Inhalt zu fassen. Ist ihr aber ein Fortleben nach dem Tode bestimmt, so muß ihre Läuterung vom Erdenrest in dem Maße erleichtert sein, in welchem sie vermocht hat, die Gaben des hiesigen Daseins mit ihrer Liebe Gegengaben schöpferisch voll und fruchtbar zu erwidern. Die Beziehung einzelner Gedanken auf die entsprechenden Motive des Goetheschen Denkens und Dichtens bedarf keiner besonderen Hervorhebung. Vom Schädel des Genius spricht der Dichter offenbar in Erinnerung an die Terzinen Bei Betrachtung von Schillers Schädel. Das Hören des Wachstums von Pflanzen ist hingegen ein fast wortgetreues Zitat aus Puschkins Propheten.

Was Boratynskij sang, mag im Versmaß des Originals etwa so wiedergegeben werden:

AUF DEN TOD GOETHES

Sie hüb ihren Schleier, da schloß der Greis
Die Adleraugen in Frieden:
Hat alles vollbracht, was im irdischen Kreis
Dem edelsten Müh'n ist beschieden.
Benetzt nicht mit Tränen die Erdenscholl',
Wo des Genius' Schädel vermodern soll!

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Erlosch; aber nichts hienieden blieb
Vom sonnigen Gast ungesegnet,
Der allem, was pocht an ein Herz um Lieb',
Teilnehmenden Herzens entgegnet.
Es flog sein Gedanke weit und breit;
Seine Schranke war die Unendlichkeit.

Wie manches nährte die schaffende Glut:
Der Weisheit Schau'n, die Gestalten
Der Kunst, und der hoffenden Zeiten Mut,
Und das hohe Vermächtnis der Alten.
Gleich luden sein Sinnen, gleich waren ihm wert
Der Königspalast und der ärmste Herd.

Sein Atmen war eins mit dem atmenden All:
Er verstand das Gemurmel der Quellen,
Des Laubes Geflüster, des Schauers Schall
Und hörte die Knospen schwellen.
Er sah in der Bibel der Sterne hell;
Ihm vertraut' ihr Sehnen die Meereswell'.

Ergründet ward und zutiefst durchschaut
Von ihm des Menschen Wesen.
Und wenn wir aufs Jenseits vergebens getraut,
Und müssen wir gänzlich verwesen,
Sobald die Erscheinung verfliegt in die Luft,
Wird den Schöpfer rechtfertigen diese Gruft.

Und wird uns umsonst vor der Schwelle bang,
Erlöset vom engeren Streben,
Nachdem er den Zeiten in vollem Gesang
Das Zeitliche wiedergegeben,
Entschwebt er als Lichtgeist zum ewigen Licht,
Und das Irdische trübt ihn im Himmel nicht.

II.

Tjutschews poetische Rede kann man allenfalls in der traditionellen Kunstsprache der Rhetorik, die für die Poetik eigentlich eine fremde Sprache ist, mit Andre j Bjelyi als metaphorisch bezeichnen. Man könnte mit gleichem Recht auch von der durchgängigen Personifikation

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bei diesem Dichter reden, wenn es nicht ratsamer wäre, nach Wladimir Solowjows Vorgang, von vorneherein festzustellen, daß in seinem Gesichtskreise überhaupt alles mythologisch belebt ist, denn so ist nicht sein Mund geründet, sondern sein Auge beschaffen. Sind doch seine schmucklosesten Äußerungen, wie der Wind säuselt oder die Sterne scheinen, in denen kein Grammatiker einen Tropus wittern dürfte, lauter synthetische Urteile, die seinem unentwegt stauenden Schauen der Allbeseelung entspringen und deshalb einen ganz anderen Sinn haben als die gleichen Sätze im Munde des modernen Menschen er sei denn ein Dichter, d.h. ein des Infantilismus Verdächtiger, der noch nicht alle Rudimente animistischen Wunderglaubens aus seinem Bewußtseinsfeld verdrängt hat. So ist auch die Übertragung (Metapher), wie wir sie bei einem Geisterseher von Tjutschews Art finden, vielmehr als Gleichsetzung gemeint: in der Zaubersphäre eines Geistes, der zum anderen Geiste spricht, wäre sie wohl geradezu Verwandlung, und etwa der Gottheit lebendiges Kleid ist für den Erdgeist, der es wirkt, gewiß ebensowenig eine Metapher, als er selbst für eine Personifikation gelten kann. Es gründet sich nämlich diese synthetische Metapher nicht auf assoziierende Tätigkeit der Einbildungskraft, die mit der Heranziehung des Entlegenen, aber irgendwie Ähnlichen ihr Spiel treibt, sondern auf intuitive Erkenntnis einer wesenhaften Verbundenheit der dieselbe Idee auf verschiedenen Ebenen des Daseins vielgestaltig offenbarenden Dinge, bzw. sie mannigfach betätigenden Wesenheiten, die sich im bedeutsamen Gleichnis (das, wie gesagt, als Gleichsetzung gedacht ist) gegenseitig widerspiegeln und ausdeuten. Man fühlt sich unwillkürlich erinnert an die herrliche Vision der Himmelskräfte, die auf- und niedersteigen und sich die goldnen Eimer reichen. Und man wird überhaupt kaum fehlgehen, wenn man diese Stilart aus dem Studium der Goetheschen Dichtung, die Tjutschew eifrig übersetzte, herleitet. Es stand übrigens der seherischen Aphasie des Dichters, der das Silentium heiligte und jeden begrifflich ausgesprochenen Gedanken als Lüge empfand, wie er's in seinem Silentium überschriebenen Gedichte gesteht, kein anderes Mittel außer sinnvollen Bildwandlungen zu Gebote, um Unerhörtes, das, wie Goethes Ariel sagt, sich nicht hört im geheimen Weben der Natur, dem inneren Gehör einigermaßen vernehmlich zu machen und, worauf es ihm ganz besonders ankam, das ihn mit antikem Schauder erfüllende antinomische Nebeneinanderbestehen und Miteinanderringen der Lichtsphäre der Erscheinungen und des nächtlichen Geisterreichs der urgründlichen Tiefe zu künden. Eine derartige Metapher hat eine natürliche Potenz und Tendenz, sich zu einem Mythengebilde zu entfalten; gebricht es ihr an innerer Lebenskraft zu diesem Erblühen, so artet sie leicht in Allegorie aus.

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Auch unser Gedicht ist eine einzige breit ausgemalte Metapher: Goethe, das schönste Blatt am Menschheitsbaume. Der auf die wesenhafte Einheit des Sinnbilds und des Versinnbildlichten eingestellte Dichter sagt eben: du warst es, und nicht: du glichst. Wo rührt das Bild her? Zunächst denkt man wohl an die homerische Reminiszenz: Wie die Blätter, die wechseln, so sind auch der Menschen Geschlechter. Aber dem naturphilosophischen Freunde Schellings schwebt vielmehr die Metamorphose der Pflanzen vor, ja überhaupt Goethes Morphologie, der auch die Wortwahl des Gedichtes sich fügt. Im Blatte erkennt Goethe den Urtypus der Pflanze. Also: wie sich das Blatt zum Baume verhält, so verhält sich das menschliche Individuum zur Menschheit; im Einzelnen ist das Ganze enthalten. Allein dieses offene Geheimnis kommt nur in denjenigen Individualitäten ungetrübt zum Vorschein, in welchen sich die Entelechie des menschlichen Wesens am vollsten und schönsten verwirklicht. Die Idee der vollendeten harmonischen Menschlichkeit, in Goethes geistiger Persönlichkeit angeschaut, bildet den gemeinsamen Zug der beiden Nachrufe.

Derjenige Tjutschews blieb zu Lebzeiten des Dichters im Silentium begraben und erschien erst in einer lyrischen Nachlese von 1879. Er trägt das Datum 1832 und keinen Titel. Tjutschew wurde als junger Mensch dem alten Goethe vorgestellt und von ihm freundlich angesprochen.

Wir lassen das Gedicht in unserer Übersetzung folgen:
Am Baum der Menschheit prangtest du, gestaltet
Zum schönsten Blatt durch Erd- und Sonnenkraft,
Vom lichtesten, vom reinsten Strahl entfaltet,
Gesättigt mit des Baumes bestem Saft.

Einstimmig war dein Flüstern, lispelnd Zittern
Mit seiner Seele leisestem Getön;
Du rauschtest sibyllinisch mit Gewittern
Und spieltest mit dem Zephyrhauch der Höh'n.

Kein Herbstwind war's, kein Sommerregenschauer,
Der dich geraubt; du übertrafst an Glanz
Das grüne Laub, an unverwelkter Dauer
Und fielst von selbst, gleichwie aus einem Kranz.

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. . . . .4. , 1987, . 158162

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